Governance-Experten sind sich bewusst, dass die Landschaft der Corporate Governance einem ständigen Wandel unterworfen ist und neue Risiken und Prioritäten widerspiegelt, die sich naturgemäß in einem veränderlichen Geschäftsumfeld ergeben. Allerdings dauert es oft eine Weile, bis offizielle Corporate-Governance-Kodizes auf den neuesten Stand gebracht werden. Ein Beispiel dafür ist der Swiss Code of Best Practice in Corporate Governance, der im Februar 2023 zum ersten Mal seit 2014 überarbeitet und neu veröffentlicht wurde. Die Änderungen sind eine Antwort auf neue gesetzlicheAnforderungen und unterstreichen die Bedeutung der Berichterstattung zu Umwelt-, Sozial- und Governance-Aspekten (ESG) zusammen mit verstärkten internen Kontrollen und Risikomanagementsystemen.
Kontext und Bedeutung von Governance-Kodizes
Corporate-Governance-Kodizes zielen darauf ab, solide und transparente Geschäftspraktiken zu etablieren, um so Risiken zu minimieren und den Stakeholdern die Sicherheit zu geben, dass ein Unternehmen solide arbeitet. Indem sie Vertrauen schaffen, ziehen diese Kodizes Investitionen an und schaffen die Grundlage für eine stabile Wirtschaft. Die Faktoren, die zum „Vertrauen“ beitragen, ändern sich jedoch ständig, und in den letzten zehn Jahren ist die ausschließliche Fokussierung auf finanzielle Transparenz einer umfassenderen Perspektive gewichen. Die verschiedenen Interessengruppen verlangen jetzt einen tieferen Einblick in die Unternehmensethik und -praxis in Bezug auf Umwelt-, Sozial- und Governance-Themen.
Wichtige Neuerungen im Swiss Code
Im überarbeiteten Swiss Code of Best Practice for Corporate Governance sind mehrere wichtige Änderungen zu finden, insbesondere in den Bereichen ESG, nichtfinanzielle Berichterstattung, Risikomanagement und interne Kontrollen.
(1) ESG und nichtfinanzielle Berichterstattung
Eine der wichtigsten Neuerungen ist die stärkere Berücksichtigung von ESG-Faktoren. Die Unternehmen werden nun dazu angehalten, nachhaltige Interessen zu berücksichtigen, die wirtschaftliche, soziale und ökologische Ziele umfassen. Es wird erwartet, dass der Verwaltungsrat diese Interessen unter Berücksichtigung der Perspektiven der verschiedenen Interessengruppen, einschließlich der Mitarbeiter, Geschäftspartner, Kunden und der Gesellschaft im Allgemeinen, definiert.
Die nichtfinanzielle Berichterstattung erhielt ebenfalls mehr Gewicht. Der Kodex verlangt, dass sie den gesetzlichen Anforderungen entspricht, lässt aber gleichzeitig die Flexibilität, bei Bedarf über die gesetzlichen Bestimmungen hinauszugehen. Die Berichte sollten sich an international anerkannten Standards orientieren, und der Verwaltungsrat muss diese Berichte genehmigen und abzeichnen, bevor er sie der Jahreshauptversammlung vorlegt. Dieser Wandel unterstreicht die wachsende Bedeutung von Transparenz und Rechenschaftspflicht in nichtfinanziellen Angelegenheiten.
Die Bedeutung der ESG-Berichterstattung wird voraussichtlich weiter zunehmen. Im Sommer 2024 hat der Schweizer Bundesrat eine Vernehmlassung zur Ausweitung der ESG-Berichtspflichten durch wesentliche Änderungen des schweizerischen Obligationenrechts begonnen. Diese Änderungen würden die Zahl der Organisationen, die über nichtfinanzielle Maßnahmen berichten müssen, von 300 auf mehr als 3500 erhöhen und die Berichterstattung enger an die EU-Direktive zur Nachhaltigkeitsberichterstattung von Unternehmen (CSRD) anpassen. Dies könnte letztendlich zu weiteren Änderungen des Code of Best Practices in Corporate Governance führen.
Eine der wichtigsten vorgeschlagenen Änderungen sieht vor, dass Unternehmen, die in den Geltungsbereich fallen, ihre Nachhaltigkeitsberichte von unabhängigen Dritten überprüfen lassen müssen. Dies hätte erhebliche Auswirkungen auf die Prüfung und Sicherstellung der Berichtsqualität.
(2) Risikomanagement
Der Kodex hat das Risikomanagement neu definiert, um strategische, betriebliche, rechtliche, finanzielle, Markt- und Reputationsrisiken abzudecken. Der Verwaltungsrat hat die Aufgabe, eine jährliche Risikobewertung durchzuführen und die Ergebnisse zu nutzen, um die Aufsichtspflichten zu steuern und die internen Kontrollsysteme anzupassen. Dieser proaktive Ansatz gewährleistet, dass das Risikomanagement in den breiteren Governance-Rahmen des Unternehmens integriert ist.
(3) Internes Kontrollsystem
Der aktualisierte Kodex überträgt dem Verwaltungsrat eine größere Verantwortung für das Vorhandensein eines wirksamen internen Kontrollsystems. Das System sollte auf die Bedürfnisse des Unternehmens zugeschnitten und so konzipiert sein, dass es die betriebliche Effizienz, die Einhaltung von Vorschriften und die Zuverlässigkeit sowohl der finanziellen als auch der nichtfinanziellen Berichterstattung verbessert. Die interne Revision hat den Auftrag, eine unabhängige Bewertung der Wirksamkeit des Kontrollsystems vorzunehmen und die Ergebnisse sowohl der Geschäftsleitung als auch dem Verwaltungsrat mitzuteilen.
Auswirkungen auf Governance-, Risiko- und Compliance-Teams
Die Überarbeitung des Swiss Code stellt für Governance-, Risiko- und Compliance-Experten (GRC) eine Reihe von Herausforderungen und Chancen dar. Dazu gehören:
Identifizierung wesentlicher nichtfinanzieller Risiken: Unternehmen müssen ökologische und soziale Risiken identifizieren und analysieren und sie in ihre formellen Risikomanagementprozesse integrieren. Dazu gehört zu bestimmen, welche Risiken wesentlich sind und die Aufmerksamkeit des Verwaltungsrats erfordern.
Entwicklung eines Rahmens für die nichtfinanzielle Berichterstattung: Die Bedeutung einer genauen und relevanten nichtfinanziellen Berichterstattung hat zugenommen, was strukturierte Datenerfassungs- und Berichterstattungsprozesse in verschiedenen Abteilungen erforderlich macht.
Entwurf und Umsetzung interner Kontrollen außerhalb des Finanzbereichs: Die Ausweitung interner Kontrollen auf Abteilungen außerhalb des Finanzbereichs kann sowohl praktisch als auch kulturell eine Herausforderung darstellen. Die Entwicklung einer positiven Kontrollkultur ist dabei entscheidend für den Erfolg.
Sicherstellung der Verlässlichkeit für den Verwaltungsrat: GRC-Teams müssen gewährleisten, dass Daten verlässlich und zugänglich sind, um den Mitgliedern des Verwaltungsrats eine solide Absicherung zu bieten. Dies ermöglicht ihnen, die Wirksamkeit des Risikomanagements und des internen Kontrollsystems zu bestätigen.
Aufbau einer integrierten Berichtsstruktur: Die Verwaltung der großen Datenmengen, die für ein effektives Risikomanagement und die Berichterstattung über interne Kontrollen erforderlich sind, erfordert eine sorgfältige Planung und Ausführung, um den Verwaltungsaufwand zu minimieren.
Nutzung der Technologie zur Einhaltung der regulatorischen Konformität
Mit der Ausweitung der Corporate Governance spielt die Technologie eine entscheidende Rolle bei der Vereinfachung der Compliance. Viele Unternehmen verlassen sich auf Governance-Plattformen, die GRC-Aktivitäten vereinheitlichen und Transparenz sowohl auf hoher Ebene als auch auf granularer Ebene bieten. Durch Automatisierung können Datenfehler minimiert und das Vertrauen in die internen Kontrollen gestärkt werden. Eine benutzerfreundliche Oberfläche unterstützt eine positive GRC-Kultur, während umfassende Berichtsfunktionen die Daten mit den Ergebnissen verknüpfen und Unternehmen dabei helfen, ein aussagekräftiges Bild des Risikomanagements und der internen Kontrollen zu erstellen.
Die jüngsten Aktualisierungen des Swiss Code of Best Practice for Corporate Governance spiegeln eine Verlagerung hin zu mehr Verantwortlichkeit und Transparenz in den Geschäftspraktiken wider. Durch die Anpassung an gesetzliche Änderungen und die Betonung von ESG-Faktoren soll der Kodex Unternehmen zu nachhaltigem Erfolg verhelfen. Für GRC-Experten bieten diese Änderungen die Möglichkeit, ihre Fähigkeiten zu verbessern und die Einhaltung von Vorschriften in einem sich schnell entwickelnden regulatorischen Umfeld zu gewährleisten.
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